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Willy 2020

Musik und Text

Konstantin Wecker
Konstantin Wecker

Abdruckrechte

Sturm & Klang Musikverlag GmbH / Alisa Wessel Musikverlag

Mei Willy, jetzt muass i di – i glaub bestimmt zum 10. Mal – in deiner Grabesruhe stören. Ich muss dir des erzählen. Die Welt hat sich mit einem Schlag verändert. Die ganze Welt. Du kannst dir nicht vorstellen was hier grad los ist. Die Welt ist von einem Virus befallen und alles, was bisher gültig war, ist auf den Kopf gestellt.

Um uns gegenseitig zu schützen, haben wir seit Wochen Konzerte, Partys und Versammlungen abgesagt. Wir haben aus Solidarität und Verantwortungsgefühl für alle Menschen weltweit gehandelt.

Und als alter Anarcho muss ich dir sagen:

Meine persönliche Freiheit möchte ich mir selbst beschneiden und nicht von einem Herrn Söder oder Kurz oder Macron beschneiden lassen, den ich nie in meinem Leben gewählt hätte. Pfeifen wir auf das Patriarchat! 

Es muss nicht immer Party sein im Leben, Willy, und grad du verstehst des sicher, hast du doch dein Leben riskiert, um Faschisten deine Meinung zu sagen. 

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik sind die Grundrechte so umfassend und so radikal eingeschränkt worden.

Und was mir besonders Angst macht, mein Freund, ist, dass es zum Beispiel nie eine Diskussion gegeben hat über „Alternativen zur Aussetzung der Grundrechte“, wie es Heribert Prantl zu Recht schreibt.

Und gerade all diesen Politikmachos, die sich derzeit so als Überväter aufspielen weltweit, traue ich jederzeit zu, dass sie diesen Zustand der Angst und Einschränkung nur allzu gern behalten wollen. Diesen Zustand eines Staates in dem Demonstrationen verboten sind und Kultur in den tiefsten Schubladen der Bürokratie verschwindet.

Wir müssen aufpassen Willy, höllisch aufpassen.

GESTERN HABNS DIE FREIHEIT BEGRABEN UND HEIT….

Und heit Willy? Aber vielleicht bin ich ja jetzt trotzdem meinem Traum von einer herrschaftsfreien, liebevollen und solidarischen Welt näher als jemals zuvor? Meinem Traum von einer Gesellschaft ohne Ausbeuter und neoliberale Profiteure, ohne Waffenhändler und ohne Faschisten, Rassisten und Kriegstreiber. 

Vielleicht erkennen erst jetzt viele Menschen diese neoliberale Diktatur, der sie jahrzehntelang aufgesessen sind?  

Unsere ach so fürsorglichen Politiker haben über Jahrzehnte die Gesundheitssysteme zum Zwecke maximaler Profite kaputt privatisiert und vor allem haben sie keinen Plan zum Schutz aller Menschen für eine solche Krise vorbereitet; vielleicht einfach, weil sie daran nichts verdient hätten.

Statt nach einem starken Führer zu schreien sollten wir uns selbst an die Hand nehmen und aufpassen, dass wir nicht denen, die sich jetzt als Herren über jedes Gesetz aufspielen, in Zukunft vertrauen. Für viele Herrschenden ist doch das was zurzeit passiert eben auch eine perfekte Übung für den dauerhaften Ausnahmezustand oder den Weg in eine Diktatur.

Wir haben unsere Erde aus reiner Profitgier kaputt gewirtschaftet und merken gerade, wie sie wieder etwas atmen kann, in Venedig schwimmen wieder Fische, ohne Kreuzfahrtschiffe und Partybomber, in den Großstädten kann man wieder etwas Luft holen, ja, vielleicht spüren jetzt viele von denen, die sich noch vor nicht allzu langer Zeit über Greta lustig gemacht haben, wie recht diese großartige junge Frau hat?

Vielleicht lernen wir jetzt mal diese so überlebenswichtige Solidarität von unten? 

Wir müssen wieder wagen zu träumen, radikal und mutig und du weißt es mein Freund – ich hab mich nie geschämt dafür ein Träumer, ein Spinner zu sein und als Utopist verlacht zu werden.

Und was ich mir erträume ist mehr als eine Revolution.

Es ist die radikale Umwälzung der Werte unserer wertlosen Gesellschaft. Es sind Menschen, die miteinander suchen, hoffen, sündigen, verzeihen. Menschen die sich anlächeln statt sich im Wettbewerb um den besseren Job fast umzubringen.

Ich will in keiner Gesellschaft leben, in der all jene am miesesten entlohnt werden, die die wirklich wichtige Arbeit verrichten:

KrankenpflegerInnen, HospizarbeiterInnen und ach so viele mehr. Und wo die unwichtigsten Berufe am besten bezahlt werden. Ich denke ihr wisst, welche ich meine. 

Und vielleicht verstehen jetzt viele Menschen in dieser Krise, dass die Güter und Ressourcen dieser Welt allen gehören sollen: Bildung, Gesundheit, Wohnung, sauberes Wasser, Essen.

Wie konnten wir jemals zulassen, dass Luft, Erde, Wasser, oder der genetische Code von Pflanzen und Tieren zu Privateigentum gemacht wurden und werden?

Jetzt ist die beste Gelegenheit, über Enteignung zu sprechen. 

Mal ganz konkret Willy: Wir sollten endlich die Türen der jetzt ohnehin nutzlos leerstehenden Luxushotels in München und Berlin und überall öffnen für die schutzsuchenden Menschen aus den Kriegsgebieten dieser Welt! Für die Schutzsuchenden aus Syrien, aus Kurdistan, aus Afghanistan, Somalia und Irak, für die Geflüchteten aus den menschenunwürdigen Lagern an den EU-Außengrenzen wie in Moria auf Lesbos oder den Folterlagern in Libyen, die jetzt besonders schutzlos diesem Virus ausgeliefert sind.

Im Bayerischen Hof in München treffen sich jedes Jahr die Kriegsstrategen der Nato und die Rüstungsmanager von Rheinmetall und Heckler & Koch. Was wäre das doch für ein großes Fest des Friedens und der Liebe, wenn in diesem Hotel die traumatisierten Kinder und Familien, die vor den Waffen und Kriegen dieser Männer des Todes fliehen mussten, in Frieden leben könnten.

Jetzt ist es an der Zeit, den Stopp aller Rüstungsproduktionen und Rüstungsexporte zu fordern und es ist Zeit für einen Waffenstillstand weltweit, ein Waffenstillstand, der vielleicht den Menschen zeigen würde, dass Frieden sehr viel erstrebenswerter ist.

Jetzt ist es an der Zeit auf die wunderbare Hannah Arendt zu hören: Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen. 

Gehorsam kann nie eine Rechtfertigung sein für das eigene Handeln. Oder Nichthandeln.

Wir sollten weltweit Schulen des Ungehorsams gründen!

Willy, jetzt ist es an der Zeit über die Utopie zu sprechen einer herrschaftsfreien Welt, wo der Menschen Miteinander unser Sein zusammenhält.

Jetzt könnten wir erkennen, dass wir alle Wesen einer Gemeinschaft sind und nicht gemeine Wesen, zu denen uns der Neoliberalismus immer erziehen wollte.

Und wir müssen jetzt und sofort unsere Stimme erheben für die Schutzsuchenden, für die Geflüchteten, Gefangenen, Obdachlosen. 

Vielleicht kommen wir jetzt alle der Erkenntnis näher, dass wir alle eins sind? Wie ich es seit vielen Jahren immer wieder singe:

...es ließ mich erkennen
wir sind nicht zu trennen
woher wir auch stammen
wir sind eins und zusammen..."

Wia hast as gsagt damals Willy, vor über einem halben Jahrhundert:

Freiheit, des hoasst koa Angst habn vor nix und neamands!

Gestern habns an Willy daschlagn,
aber heit, aber heit aber heit, heit halt ma zsamm. 

Gestern habns an Willy daschlagn,
und ab heit, ab heit ab heit halt ma zsamm. 

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Die Weckerswelt TV Homepage:

https://wecker.de/de/weckerswelt-tv.html 

Persönlicher Aufruf von Konstantin Wecker für Weckerswelt TV

Ein Leben – ganz – ohne Bühne ist für KünstlerInnen einfach nicht möglich. Und so habe ich mit meinem Team bereits kurz nach Beginn dieser globalen Pandemie für unsere Fans und alle FreundInnen von Poesie und Widerstand immer wieder Konzerte kostenlos gestreamt. Live und digital.

Es kam von Herzen und war in und aus der Not geboren: Wir waren von der umwerfenden Resonanz und dem riesigen Interesse überwältigt. Mittlerweile haben über 400.000 Menschen unsere Konzerte & Videoclips gesehen und gehört.
Wir nannten sie Poesie & Widerstand in stürmischen Zeiten.  

Es war uns ein Bedürfnis, schon bei unserem großen Antikriegskonzert am Ostersamstag zwei AktivistInnen der Kampagne „Rheinmetall entwaffnen!“ zu Wort kommen zu lassen. Bei unserem Konzert zum 75. Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus am 9. Mai konnte ich u.a. mit der Musikerin, Holocaust-Überlebenden und unermüdlichen Antifaschistin Esther Bejarano persönlich sprechen. Das hat mir und uns sehr viel Freude gemacht! Diese Erfahrungen haben mit dazu beigetragen, eine lang gereifte Idee lebendig werden zu lassen:

Weckerswelt TV
Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten

Dieses neue TV-Format wollen wir ab 2021 für alle kostenlos auf YouTube streamen. Ich werde mit Kolleginnen und Kollegen musizieren, Gedichte lesen und mit klugen und empathischen Gästen und GastmoderatorInnen anarchischen Gedanken freien Lauf lassen.

Das wird poetisch, menschlich, direkt und immer auch kritisch – einfach 60 Minuten meine Weckerswelt pur: voller Lieder, Poesie, Gedanken, eingespielten Beiträgen und spannenden Gesprächen mit Leidenschaft, Anarchie und Empathie.

Versprochen: Ich höre also nicht auf zu träumen von einer herrschaftsfreien, solidarischen Welt ohne Patriarchat und mit sozialer Gerechtigkeit für alle Menschen. Das bleibt mein Motto auch für unser neues Projekt.
Und dafür brauchen wir wieder einmal eure große Unterstützung:

Wir wollen mindestens drei Mal im Jahr kostenlos für alle Interessierten auf YouTube unser TV-Magazin Weckerswelt TV für Euch streamen.
Mit eurer Unterstützung könnten wir es schaffen, unabhängig und werbefrei zu bleiben und so garantiert kritisch und kreativ zu sein.

Mit dieser Methode wollen wir es schaffen: Patreon.com ist eine Community-Plattform, die es KünstlerInnen und Kreativen ermöglicht, durch monatliche feste finanzielle Unterstützungsbeiträge ihrer Community Visionen und Projekte für alle Interessierten Wirklichkeit werden zu lassen.

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Hier bekommt ihr alle Informationen und könnt ein Patron werden:
www.patreon.com/weckerswelt_tv

Wem das zu kompliziert ist, kann uns selbstverständlich auch ganz klassisch unterstützen (Infos auf www.wecker.de/weckerswelttv)

Vielen Dank für eure Unterstützung, ich freue mich auf unsere erste Sendung in 2021!

Euer Konstantin

Weckerswelt TV
Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten

gestreamt & kostenlos für alle




 

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