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Willy III (2001)

Erstveröffentlichung

vaterland (2001)

Musik und Text

Konstantin Wecker
Konstantin Wecker

Abdruckrechte

Sturm & Klang Musikverlag GmbH / Chrysalis Music Holdings GmbH / Alisa Wessel Musikverlag

Hörbeispiel

Live 2001

Tut mir leid, Willy, dass ich dich noch einmal belästigen muss in Deiner wohlverdienten, ewigen Ruhe.
Aber es brennt mir so auf der Seele, und die Gespräche mit dir waren immer so schön unbesonnen, so gar nicht "political correct".

So wie wir zwei immer miteinander geredet haben denken viele glaub ich. Aber man tut es nicht mehr allzu laut Willy.

Keine Gefühle mehr in der Politik, keine wirklich neuen Ideen.
Keine Visionen oder gar Utopien.
Und vor allem nichts Radikales.

Um Gottes Willen nur nichts Radikales in der Gesellschaft der Normalität. Der Glaube an den Fortschritt ist ungebrochen und wird mit dem Flammenschwert der Verdrängung verteidigt.

Du kannst dir nicht vorstellen, was da zur Zeit los war. Eine Horde christlich-liberaler Politiker rastete aus und hackt auf die 68er ein, als wäre das die letzte Möglichkeit ihr langweiliges Karriere-Dasein noch zu entschuldigen.

Den Fischer ham´s grad in der Mangel gehabt, na, als wenn sie nicht wüssten dass es gefährlich sein kann sich mit dem anzulegen. Wenn´s sein muss schickt der die NATO, wie wir wissen. Aber er soll mal Steine geschmissen haben, und dass ist natürlich viel schlimmer.

Und dann wird gleich der Vergleich mit den Faschisten aus der Versenkung geholt. Wir haben uns damals schon gewehrt gegen die fatalen Ideologisierungen der 70er. Gegen diese moralpolitischen Eitelkeiten. Aber ich sehe immer noch schon einen Riesenunterschied darin feige über Obdachlose oder Ausländer in Horden herzufallen, oder sich gegen schwerbewaffnete Polizisten zu verteidigen.

Aber weißt was Willy? Hier wird nicht den Steinewerfern der Prozess gemacht, sondern wieder mal all jenen die sich gegen bestehende Moral und Norm zur Wehr setzen. Die es wagen dass anzugreifen was scheinbar festgefügt immer wieder und für ewig gilt.

Haben wir nicht die beste aller möglichen Gesellschaftsformen, heißt es immer wieder, und alle nicken ergriffen, als müsste nicht auch das beste System immer wieder erneuert werden. Als müsste man nicht immer bereit sein Weltbild in Frage zu stellen.

Na, und wie perfekt ist denn nun dieses beste aller Systeme wirklich? Nur weil es hierzulande den meisten finanziell ganz gut geht? Was soll man aber machen gegen hemmungslos spekulierende Fondsmanager? Gegen das organisierte Verbrechen an der Biosphäre? Gegen 30 Millionen verhungernde jährlich, und einige Millionen nur an Ernährungsmangel blind gewordener Kinder?

Wer kämpft eigentlich noch gegen den Ausnahmezustand der benutzten Natur? Kein Tier, kein Baum, kein Fluss und kein Meer besitzt noch irgend einen Wert in sich selbst. Sie alle sind entwertet durch die Tatsache dass sie kein Geld sind.

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen", kannst du dich noch erinnern Willy? An den Adorno? Es gibt keine Insel des Glücks in einer Welt voller Leid.

Aber wir haben ja eine unangreifbare perfekte Gesellschaft, gegen die vor allem die nicht vorgehen werden, die es geschafft haben. Die Saturierten. Aber hinter jedem Fetten stehen ein paar Abgemagerte, Ausgehungerte. Und solche voller Ideen und Träume, denen die Karriere nicht alles ist. Die erkannt haben dass es unmöglich ist sich Glück zu erkaufen. Die lieber hungern, als ihre Seele verhungern zu lassen. Die lieber protestieren, als sich schmieren zu lassen

Aber das alles ist natürlich nicht mehr so erwähnenswert wie die Fellatio an einem Präsidenten, oder der wundersame Samentransfer eines Tennisspielers.

Ja, Willy, jetzt werden´s alle wieder sagen: schauts ihn an, den Moralisten, den Wecker, er kann´s nicht lassen. Aber du bist mein Zeuge, ich hasse die Moral. Immer wenn moralischer Eifer im Spiel ist, steckt ein handfestes egoistisches Interesse dahinter.

Ich will nur nicht aufhören nach der Wahrheit zu suchen. Wer mit der allgemeinen Gier nicht mitzieht, wer es nicht unglaublich hip findet sein Geld zum Zwecke der Vermehrung ein paar mal um den Erdball zu jagen, wer es nicht toll findet die zu bescheißen, die nun mal nicht so clever sind, der wird bestenfalls als Spinner verlacht, oder als ewig gestriger abgetan

Und es gab damals wie heute Gründe gegen einen selbstgerechten Staat vorzugehen. Zu demonstrieren, zu protestieren, und wie denn bitte, wenn nicht auch mit außerparlamentarischen Mitteln?

Vor zweieinhalb Tausend Jahren hat Lao-Tse den Weg zu einer friedlichen, gesunden Gesellschaft beschrieben:

Die Tüchtigen nicht bevorzugen,
so macht man, dass das Volk nicht streitet.
Kostbarkeiten nicht schätzen,
so macht man, dass das Volk nicht stiehlt.
Nichts begehrenswertes Zeigen,
so macht man dass das Herz nicht wirr wird.

Darf man denn eigentlich über so was gar nicht mehr nachdenken? Über eine Ordnung ohne Konkurrenz und Leistungserfolg, ohne Besitz und Wettbewerb? Statt eines gesunden Geldbeutels eine gesunde Psyche? Sind diese Utopien verboten?

Das wäre für mich Globalisierung! Nicht ein hemmungslos freier Markt als Krönung abendländischer Kulturentwicklung zur Weltzerstörung!

Wer gegen Steine werfen ist, muss auch gegen die Grausamkeit dieser geldsüchtigen Gesellschaft sein. Und wer Jagd auf andere macht, muss zuerst mal sich selber jagen.

So, und jetzt ist Schluss, Willy, ich werde dich nicht noch einmal ausgraben. Ich lass dir deinen Frieden.

Nur leider musste ich dein Lied zum Schluss noch einmal umschreiben.

Gestern ham´s an Willy begrob´n!
Und heut, und heut und heut - heut werd a nomal derschlog´n!

Gestern ham´s an Willy begrob´n!
Und heut, und heut und heut - heut werd a nomal derschlog´n!

Nachdruck und jedwede weitere Veröffentlichung nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Rechteinhaber!

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Zwei Konzerte von Konstantin Wecker am 2. und 10. Oktober 2020 

mit MusikerInnen seines Labels Sturm & Klang

 

Medienpartner

Spenden-Aufruf: Wir brauchen Eure Hilfe!

für die Streaming-Konzerte am 2.10.2020 und am 10.10.2020 jeweils um 20:30 Uhr | 

live & relive auf br.de/kultur, YouTube WeckersWelt & www.wecker.de

 

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

wir brauchen dringend eure Hilfe und deshalb bitte ich euch erneut um Unterstützung: Ihr wisst es ja alle, die Covid-19-Pandemie trifft besonders viele freie KünstlerInnen und MusikerInnen sehr hart. Leider wird es nun auch in den nächsten Monaten kaum Live-Konzerte geben können und wenn, dann nur mit wenigen ZuschauerInnen und damit sehr geringen Einkünften. Viele meiner KollegInnen wissen längst nicht mehr, von was sie in den nächsten Monaten ihre Mieten bezahlen sollen und wie es überhaupt weiter geht. Und außerdem haben wir alle eine große Sehnsucht nach unseren Liedern und unseren Fans!

Deshalb will ich gemeinsam mit vielen MusikerInnen meines Labels Sturm & Klang endlich wieder für euch spielen und singen: Am Freitag, dem 2. Oktober, und am Samstag, dem 10. Oktober 2020 jeweils um 20.30 Uhr bei zwei großen kostenlosen Streaming-Konzerten.

Mit mir auftreten werden KünstlerInnen meines Labels Sturm & Klang wie Tamara Banez, Miriam Green, Sarah Straub, Josef Hien, Vivek, Prinzessin & Rebell Erwin R. und Dominik Plangger: Sie werden alle jeweils ein Lied von mir – manchmal auch mit mir ­– und ein eigenes singen.

Ich werde erneut umsonst spielen, noch geht es bei mir: Doch für meine KollegInnen und vor allem für alle, die zum Gelingen eines Konzertes so überlebenswichtig sind wie unsere Studio- und Ton-TechnikerInnen, unsere Kameraleute und unser Team vom Regisseur bis zum Redakteur, brauche ich eure Spenden, damit wir die Unkosten und ihre Honorare, auf die sie angewiesen sind, decken können.     

Dank eurer großartigen Unterstützung konnten wir im März, April und Mai bereits drei tolle kostenlose Live-Streaming-Konzerte organisieren: Fast 325.000 Mal wurden diese drei Konzerte bisher angeschaut. Dazu kommen fast 140.000 BesucherInnen beim Live-Mitschnitt meines Willy 2020 - sie sind übrigens alle weiterhin auf wecker.de kostenlos abrufbar! Fast 70.000 € Spenden von euch haben damals unseren Studio- und TontechnikerInnen, aber vor allem auch den an den drei Konzerten beteiligten KünstlerInnen extrem geholfen, den Lockdown zu überstehen. Darüber hinaus konnten wir weitere notleidende KünstlerInnen meines Labels und humanitäre Projekt mit 27.500 € unterstützen.  

Leider wird in der aktuellen Krise vor allem wieder einmal die Luftfahrt-, Auto- und Rüstungsindustrie von unseren Steuergeldern unterstützt. Der freien und unabhängigen Kunst- und Kulturszene droht dagegen schon bald der Kampf ums nackte Überleben. Die Hilfen sind bisher meist Flickwerk. Und warum? Weil der Aufruf vieler PolitikerInnen zur „Solidarität“ leider nicht für alle gilt: Wann wird eigentlich endlich von all den vielen Immobilien-Investment-Gesellschaften und EigentümerInnen „gesellschaftliche Solidarität“ eingefordert? Während die einen ohne Einkommen immer ärmer werden, profitieren die anderen einfach weiter. Wäre es zu viel verlangt, wenn die Besitzenden bis zum Ende der Pandemie auf ihre ohnehin unverschämt teuren Mieten verzichten müssen? Das wäre eine sinnvolle Maßnahme gegen die sozialen Auswirkungen einer einzigartigen Pandemie: Wie viele Kulturprojekte, Clubs und KünstlerInnen würden diese Krise überstehen können, wenn sie nicht ihre letzten Reserven Miethaien in den Rachen werfen müssten (ich spreche nicht von privaten Vermietern, die hoffentlich schon längst ihren langjährigen Mietern von sich aus einen großzügige Mietnachlass gewährt haben)? Auch dafür wollen wir singen! 

Ich danke euch und freu mich unbandig auf unsere beiden Konzerte Anfang Oktober. Und wenn ihr uns mit einigen oder auch vielen Euros unterstützen könntet, würde uns das sehr helfen!

Euer

Konstantin

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