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Systemrelevant?

21.04.2020

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

wie das Magazin DER SPIEGEL erfuhr, informierte die Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die amerikanische Regierung am vergangenen Donnerstag offiziell, dass Deutschland als Ersatz für die altersschwachen "Tornado"-Kampfjets der Luftwaffe insgesamt 45 Jets vom Typ F-18 des US-Herstellers Boeing kaufen wolle.
Waffenhandel und das Herstellen von Waffen ist also in diesen Krisenzeiten systemrelevant,
Und das Spekulieren mit Aktien sicher auch.
Möbelhäuser sind systemrelevant. In NRW.
Autohäuser sind systemrelevant. In Bayern. Ab 27. April.
Dass die Krankenpfleger*innen systemrelevant sind, fiel unseren Politiker*innen in den Jahrzehnten, wo sie das Gesundheitssystem fast kaputtprivatisiert haben, nicht so richtig ein. Sonst hätten sie sie besser bezahlt.
Aber ein Gedanke kam und kommt den Regierenden nie auch nur ansatzweise in den Sinn:
Dass Kultur systemrelevant sein könnte.
Sie lassen die Künstler*innen am Existenzminimum dahin vegetieren.
Na klar - Kultur könnte die Menschen ja dazu verführen, nicht alles im Leben der Gewinnmaximierung zu opfern: Die eigene Seele. Den eigenen Verstand.
Kultur kann aufwühlen und verängstigte Menschen zum freien Denken anregen.
Kultur kann verändern.
Kultur kann Mut machen. Das vor allem: Mut machen, sich nicht einfach alles unhinterfragt gefallen zu lassen.
Sie ist nicht für dieses System relevant.
Vielleicht aber für ein anderes? Freieres?
Und relevanter als Waffengeschäfte und Börsenspekulationen doch allemal.
Und liebe Politiker*innen - wenn Kultur so wenig systemrelevant ist, warum schaltet ihr nicht das Radio ab, das Fernsehen, Netflix, Amazon und all die Livestreams, die den Künstler*innen von diesen Firmen auch noch keinen einzigen Cent bescheren.
Und die Kultur könnte uns auch noch etwas anderes wieder ins Gedächtnis bringen:
Systemrelevant ist natürlich auch der Widerspruch, das Widerständige, der Protest, die Aktion, der Widerstand, die Blockade, die Demonstration, die Protestkette, das Nicht-Stromlinienförmige, wie zum Beispiel ein selbstorganisiertes Protestcamp von Ende Gelände zur Besetzung von Kohletagebau-Abbauhalden. Da lernen junge Menschen mehr Phantasie und Freude wie oft in der gesamten Schullaufbahn.
Und so wissen unsere Politiker*innen ganz genau, dass für dieses System die Kultur nicht unbedingt relevant ist.
Denn Poesie ist Widerstand.
In jedem Fall ist Kultur relevant für die Menschen in diesem System.
Und ist das dann nicht doch wieder systemrelevant?
Und wenn ich, wie viele meiner Freundinnen und Freunde, demnächst als Apologet einer untergehenden Kultur verschrien werde, dann tragen wir eben, wie Oskar Werner als Montag in „Fahrenheit 451“ - wenn schon nicht im Wald möglich - die Literatur virtuell in die Herzen all derer, für die Kultur immer relevant bleiben wird.

https://www.youtube.com/watch?v=otbz8SwV_dk

Konstantin Wecker

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