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Blick nach vorne in stürmischen Zeiten - zum Ende meines Projekts Hinter den Schlagzeilen

26.08.2020

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

kurz vor dem 2. Irakkrieg nahmen die üblichen Kriegslügen und die Propaganda für den Krieg in einem so erschreckenden Ausmaß zu, dass es – nicht nur für Pazifisten – dringend notwendig wurde, sich über das übliche Informationsangebot hinaus zu informieren.

Meine Frau Annik recherchierte täglich im Netz und in vielen Zeitungen, wir versuchten an Hintergrundwissen heranzukommen, sprachen mit KollegInnen, JournalistInnen und WissenschaftlerInnen und irgendwann wurden die in den Schlagzeilen verbreiteten Meinungen und Lügen so unerträglich, dass wir beschlossen, unser angesammeltes Wissen auch unseren Freunden, meinem Publikum zukommen zu lassen.

Wir gründeten „Hinter den Schlagzeilen“.

Und wir nannten es so, weil wir auch damals nicht der Meinung waren, dass alles, was in den Zeitungen, im Fernsehen oder anderen Medien veröffentlicht wurde, falsch, gelogen oder manipuliert sei, sondern weil man in vielen Zeitungen eben sehr genau hinter die Schlagzeilen lesen musste, um etwas anderes zu erfahren als das übliche Kriegsgeknatter. Es ging uns um harte Fakten, gut recherchierte Hintergrundberichte und kluge, kritische Reflexionen statt ideologischer Meinungs- und Propagandaproduktion in welchem Interesse auch immer.

Oft waren zum Beispiel die besten Beiträge kluger JournalistInnen im Feuilleton versteckt. Das heißt, es gab durchaus andere veröffentlichte Meinungen und mutige Stellungnahmen – nur: man musste sie eben finden!

Annik hatte sich mit ungeheurem Eifer in dieses Projekt gestürzt, wofür ich ihr auch heute noch sehr dankbar bin.

Am 16.12.2002 schrieb ich auf meiner Homepage:

„Endlich ist es soweit!

Seit etwa zwei Stunden ist unser neues Fenster Hinter den Schlagzeilen online.

Meine Frau Annik und ich sind sehr froh, das Projekt überhaupt zum Laufen gebracht zu haben. Die technische Umsetzung hat uns ehrlich gesagt mehr zu schaffen gemacht als wir es vermutet hatten (…) Ich werde versuchen im Laufe der Zeit interessante und von mir geschätzte Autoren an dieser Stelle exklusiv für unsere Seite zu gewinnen. Also, einfach auf Hinter den Schlagzeilen klicken und anfangen zu lesen.“

Vom 5. bis zum 13. Januar 2003 war ich dann selbst mit Henning Zierock und Heike Hänsel und Freunden der Kultur des Friedens in Bagdad – wenige Wochen, bevor die Bomber flogen. Darüber habe ich ja auch ausführlich berichtet, u.a. in meinem täglichen Tagebuch aus Bagdad in der Münchner Abendzeitung.

Wir haben HdS, wie wir es dann unter uns nannten, zu einem wirklichen Herzensprojekt erkoren und erleben dürfen, wieviel kluge und aufrechte JournalistInnen es gibt, die mutig weiter recherchieren und schreiben, auch wenn ihnen nicht immer die große Bühne geboten wird. Da hat sich bis heute nichts dran geändert: Wir müssen hinter die Schlagzeilen schauen. Ganz besonders in Zeiten von Covid-19.

Von Anfang an habe ich gemeinsam mit vielen Freundinnen und Freunden für eine globale und solidarische Bekämpfung der Pandemie und ihrer gesundheitlichen, menschlichen und sozialen Folgen gestritten. Wir haben die verantwortlichen PolitikerInnen offen kritisiert für ihre Versäumnisse und Fehler. Wir haben solidarische Konzepte gefordert. Und wir haben vor rechten Menschenfängern und der verantwortungslosen Leugnung von Fakten gewarnt. Denn in unserem Kampf gegen den Abbau von Grundrechten dürfen wir uns nie mit Rechten gemein machen, deren Ziel letztlich schon immer die vollständige Abschaffung aller Grund-, Menschen- und Freiheitsrechte war und ist.     

Meine Positionen könnt ihr alle hören und sehen zum Beispiel bei meiner aktuellen Version des Liedes Willy 2020 (https://www.youtube.com/watch?v=wgjdX8IQoPE), meinen kostenlosen Livestream-Konzerten (links auf wecker.de und bei weckerswelt auf Youtube) und unserer Demonstration break isolation Anfang Mai vor dem Bayerischen Innenministerium (siehe unter https://breakisolation.net/ und https://www.youtube.com/watch?v=GCP_PUJRfqE oder unter https://www.youtube.com/watch?v=g1Gefs40v_0 ).

Im Willy 2020 habe ich unter anderen gesungen:

Um uns gegenseitig zu schützen, haben wir seit Wochen Konzerte, Partys und Versammlungen abgesagt. Wir haben aus Solidarität und Verantwortungsgefühl für alle Menschen weltweit gehandelt.

Und als alter Anarcho muss ich dir sagen:

Meine persönliche Freiheit möchte ich mir selbst beschneiden und nicht von einem Herrn Söder oder Kurz oder Macron beschneiden lassen, den ich nie in meinem Leben gewählt hätte. Pfeifen wir auf das Patriarchat! 

Es muss nicht immer Party sein im Leben, Willy, und grad du verstehst des sicher, hast du doch dein Leben riskiert, um Faschisten deine Meinung zu sagen.“ 

Mein Freund, Professor Dr. med Rolf Verres, ein Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und ein großartiger Pianist, schrieb neulich:

„Die Gesichtsmaske und die weiteren Hygienemaßnahmen werden in erster Linie als Maßnahmen von Abgrenzung verstanden. Ein körperlicher Abstand muss aber keineswegs eine seelische Nähe ausschließen. Wer wirklich verstanden hat, dass solche Maßnahmen nicht nur dem eigenen Schutz dienen, sondern ebenso dem Schutz der Anderen, hat die wichtigste Voraussetzung für solidarisches Handeln entdeckt. Zu den so verstandenen Kraftquellen gehört also nicht nur die Leistung, sondern auch der Verzicht, die Rücksichtnahme. Auch das kann die Gesichtsmaske symbolisieren: ich muss nicht immer und überall mein Ego präsentieren, sondern ich kann auch unscheinbar, kaum erkennbar und bescheiden auftreten, vielleicht sogar etwas Demut empfinden, während ich mich in eine Warteschlange einreihe und mich an die neuerdings geforderten Vorsichtsregeln halte. Der Schutz des Lebens ist unbedingt wichtiger als der Wunsch des Einzelnen nach Ego-Trips und uneingeschränkter Freiheit.“

Dem schließe ich mich uneingeschränkt an.

Und ich teile die Position meines Künstlerkollegen Christian Springer, der klargestellt hat in seinem Beitrag „Anleitung zur Corona-Demo“ in Berlin: „Übrigens, ich bin auch gegen Corona. Ich kenne auch überhaupt gar keinen, der für Corona ist. Der Unterschied ist nur, ich renne deswegen nicht mit Faschisten mit.“ 

Wenn in Berlin Tausende ohne Masken und Abstand demonstrieren und das auch noch von den OrganisatorInnen in ihrer rechten Propaganda als freiheitliches und demokratisches Handeln gefeiert wird, muss man doch dringend das Demokratieverständnis dieser Leute hinterfragen.

Zuerst einmal heißt demokratisch fühlen und handeln nicht, andere auf Grund einer eigenen Überzeugung – wie gesichert sie einem auch scheinen mag – zu gefährden. Und es ist ganz sicher kein Zeichen von demokratischer Gesinnung, sich an krude Verschwörungstheorien zu klammern oder vor, mit oder hinter Reichskriegsflaggen und anderen rechten Fahnen und Parolen zu marschieren.

Ich werde nie auf Demos mitlaufen, an denen Neonazis, Querfrontstrategen der Neuen Rechten, Antisemiten, Reichsbürger, braune Kameradschaften oder AfD-ler beteiligt sind. Und vor allem nicht auf Demos, die von selbsternannten Saubermännern organisiert sind, die sich gemein machen mit rechten und rassistischen Propagandisten der neuen und alten Rechten. Denen geht es doch weder um Grundrechte noch um Freiheit für alle Menschen.

„Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“, wie mein Freund, der frühere Widerstandskämpfer und KZ-Überlebende Martin Löwenberg (12. Mai 1925 – 2. April 2018) stets betont hat.

Begeistert haben mich in den letzten Monaten nicht die braunen und verstrahlten Menschenfänger und selbsternannten Corona-Rebellen von Stuttgart über München bis Berlin. Dieser Name Corona-Rebellen hat mich übrigens von Anfang an irritiert: Denn mir blieb es ein Rätsel, wie sie gegen einen Virus ernsthaft und erfolgreich rebellieren wollen? Aber hier haben mir die Trumps, Johnsons, Erdogans und Bolsanaros und ihre deutschen Karikaturen – übrigens fast ausschließlich narzisstische Männer – die Augen geöffnet: Narzisstische Persönlichkeiten und ihre Fanclubs haben ja bekanntermaßen Probleme, unerwünschte Realitäten anzuerkennen bzw. ihre interessensgeleitete Weltsicht kritisch zu hinterfragen.

Begeistert haben mich dagegen die weltweite Anti-Rassismus-Bewegung „Black Lives Matter“ und die globale Klimabewegung wie zum Beispiel von „Fridays for Future“. So viele blitzgescheite junge Menschen – das macht Mut. Wir dürfen das Feld nicht den Rechten überlassen.

Der kanadische Psychologe Steven Taylor schrieb übrigens schon ein paar Monate vor dem Corona-Ausbruch in Wuhang in seinem Buch „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“:

„Im Zuge einer kommenden Pandemie lässt sich davon ausgehen, dass verschiedene Verschwörungstheorien über Quelle oder Ursache und über mögliche Impfstoffe kursieren werden. Verschwörungstheorien sind im Allgemeinen Versuche, die Ursachen bedeutsamer Ereignisse durch die Behauptung zu erklären, dass sie auf geheime Pläne mächtiger Akteure zurückgehen (…). Mehr als ein Drittel der Amerikaner glaubt an die Verschwörungstheorie, dass der Klimawandel eine Täuschung sei, die durch Gruppen mit starken Eigeninteressen forciert und aufrechterhalten wird (…)“

Wir leben in Zeiten einer globalen Pandemie, die bereits bald einer Million Menschen weltweit das Leben gekostet hat und deren Folgen die ökologischen und sozialen Verwüstungen des Neoliberalismus und des Patriarchats noch weiter verschärfen wird. Im Kampf um eine gerechtere Welt gilt es deshalb heute umso deutlicher zu sagen: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ Denn wir wollen menschliche und solidarische Alternativen aufbauen. Und die Gefahr ist groß: Die braunen Menschenfänger haben schon immer in Zeiten von Angst und sozialer Not falsche Versprechungen gemacht und zugleich Ausgrenzung, Rassismus und die Verfolgung von Andersdenkenden und Minderheiten forciert.

Nach 18 Jahren habe ich mich entschlossen, als verantwortlicher Chefredakteur mein Online-Magazin Hinter den Schlagzeilen zu beenden und Abschied zu nehmen von diesem Projekt. Ich wollte nicht mehr mit Autoren zusammenarbeiten, die auf anderen Plattformen in den letzten Monaten für mich inakzeptable Positionen u.a. bis hin zur Leugnung der Gefährlichkeit von Covid-19 und der Ablehnung von Schutzmasken etc. vertreten bzw. dort mit rechten Propagandisten zusammen schreiben.

Meinem Wunsch, in diesen verwirrenden Zeiten endlich wieder zur Besinnung zu kommen und diese Aktivitäten zu unterlassen, sind sie leider nicht nachgekommen. Somit war das Vertrauen für ein gemeinsames Projekt nicht mehr gegeben: Doch dieses Vertrauen hätte ich als Künstler gebraucht, da ich nicht die Zeit habe, mich täglich um alle Inhalte zu kümmern und zu prüfen, ob sie noch mit meinen Vorstellungen und Positionen zu vereinbaren sind. 

Wir leben wie damals, als ich das Projekt HdS gegründet habe, erneut in sehr stürmischen Zeiten. In stürmischen Zeiten will ich meinem Motto treu bleiben und weiterhin sehr genau hinter die Schlagzeilen lesen, suchen und schauen und zwar in allen Medien, um etwas anderes zu erfahren und zu denken als das übliche Kriegsgeknatter oder Propaganda.

Die Herren, die gegen meinen Willen den Namen HdS derzeit noch weiter verwenden, sollen, dürfen und können sich in keiner Weise mehr auf mich, meine Texte, Inhalte, Lieder oder Gedichte berufen. Sie haben vor vielen Monaten einen für mich politisch völlig inakzeptablen Weg beschritten und lassen sich trotz meiner Argumente, meiner Warnungen und meiner Kritik davon nicht abbringen. Ich hoffe, dass der Verein, der zuletzt formal HdS als Herausgeber betreut hat, so anständig ist, sich nach meinem Ausscheiden als Chefredakteur einen neuen Namen für sein neues Projekt zu suchen. Mein Projekt „Hinter den Schlagzeilen“ ist hiermit beendet.

Jetzt ist mein Blick nach vorne gerichtet: Für alle, die mich auf diesem Weg in stürmischen Zeiten begleiten wollen, werde ich in Zukunft wieder öfter auf wecker.de, facebook und auf meinem multimedialen Projekt weckerswelt (u.a. auf Youtube) zu lesen und vor allem zu hören sein. Dort könnt ihr zum Beispiel unsere ersten drei Livestream-Konzert „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten“ weiterhin kostenlos anschauen und hören.

Und ich freue mich, endlich wieder live auf der Bühne zu stehen. Ab Anfang September bei verschiedenen Konzerten u.a. in Deggendorf, Wien oder Konstanz. Und Anfang Oktober könnt ihr meine nächsten beiden Livestream-Konzerte mit vielen meiner Label-KünstlerInnen hören und sehen – doch dazu an dieser Stelle bald mehr.  
Passt auf Euch auf und bis bald, 

euer Konstantin

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