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Sophie Scholl zum 100. Geburtstag

09.05.2021

Liebe Freundinnen und Freunde,

Sophie Scholl, deren 100. Geburtstag wir heute begehen, und die Mitglieder der Weißen Rose sind mir seit früher Jugend an Vorbilder an Menschlichkeit und Zivilcourage. Diese jungen mutigen Menschen waren nicht gewillt, dem sinnlosen Morden um sie herum tatenlos zuzusehen, Sie fassten den Mut zum Widerstand und riskierten damit ihr junges Leben. Zutiefst von humanistischen und christlichen Werten geprägt, war es ihr erklärtes Anliegen, in einem unmenschlichen System für die Bewahrung der Menschlichkeit einzustehen. Ich habe ihnen mit meinem Lied „Die Weiße Rose“, das ihr hier aus meinem Livestreamkonzert vom 9.5.2020 zusammen mit Fany Kammerlander und Jo Barnikel noch einmal sehen und hören könnt, eine Hommage geschrieben. Darin wollte ich mit der Zeile „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen!“ zum Ausdruck bringen: Selbst, wenn wir nie siegen würden und nie Erfolg hätten mit dem, wofür wir einstehen, sollten wir doch nie die Hoffnung verlieren, dass unser Tun etwas bewirkt.

Sophie Scholl hatte keine Chance, ihren Lebensplan zu entwickeln. Oft sehe ich sie vor mir, Sophie und ihren Bruder Hans und ihren gemeinsamen Freund Christoph Probst, wie sie am 23. Februar 1943 auf dem Gefängnishof in München-Stadelheim ihre letzte Zigarette zusammen rauchen und sich dann ein letztes Mal in die Augen blicken. Schon kurz darauf betritt Sophie Scholl gefasst den Hinrichtungsraum, ihr schmaler Körper wird auf die Bahre geschnallt, ihr Kopf unter das Fallbeil geschoben. Wenige Minuten später verlieren die beiden jungen Männer auf gleiche Weise ihr Leben. Mit diesen Bildern vor Augen ist es beinahe unerträglich, zu sehen, dass heute Menschen auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen wie Jana aus Kassel sich mit Sophie Scholl oder Anne Frank vergleichen. Beide waren Opfer desselben menschenverachtenden Regimes, dessen Insignien auf solchen Demos zynisch und schamlos gezeigt werden. Und meist unwidersprochen. Auch wenn ich in „Die Weiße Rose“ singe "Ihr wärt heute genauso unbequem, wie alle, die zwischen den Fahnen stehn, denn die aufrecht gehn, sind in jedem System nur historisch hochangesehn“ ist eines klar: Sophie Scholl wäre niemals ohne aufzubegehren neben einer Reichsflagge oder einer SS-Tätowierung marschiert. Es bleibt zu hoffen, dass sogenannte Querdenker – was war das einmal für ein schöner, positiv besetzter Begriff für einen offenen, klugen Menschenschlag! – wie Jana sich einmal ernsthaft mit der Weißen Rose beschäftigen. Denn das Beispiel von Sophie Scholl könnte eine Brücke sein, über die unsere gespaltene Gesellschaft wieder in den Dialog kommen könnte.
 
 
PS: Meine Kollegin Sarah Straub, Labelkünstlerin in meinem Label Sturm & Klang, hat heute auch eine sehr berührende Interpretation des Liedes "Die Weiße Rose" auf facebook veröffentlicht.
 

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