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Ich weiß, ich belege hier viel Raum und manche sind sicher schon genervt. Aber ich beeile ich mich, so schnell wie es mir möglich ist, die Tolstoi-Erzählung zu Ende aufzuschreiben und danach hört ihr erst mal wieder eine Weile nichts mehr von mir, versprochen. Aber jetzt die Geschichte einfach abzubrechen wäre blöd, da sie sich erst in ihrer Vollständigkeit erschließt. Ich finde sie sehr schön und wahr, und deshalb: Kapitel VI: ""Ein Tag folgte dem anderen, eine Woche der anderen, und so verging ein ganzes Jahr. Michailo lebte noch immer bei Semion und arbeitete für ihn. Bald sagten alle Leute, dass es weit und breit keinen besseren Schuhmacher gebe als Semions neuen Gesellen; niemand könne so saubere und so dauerhafte Arbeit liefern. Aus der ganzen gegend kamen die Leute zu Semion, um sich bei ihm Stiefel machen zu lassen, und so erwarb der Schuster einiges Vermögen. Einmal im Winter saßen Semion und Michailo am Fenster und arbeiteten; plötzlich hörten sie Schellengeläute und sahen eine Troika vor dem Haus halten. Ein Bursche sprang vom Bock und öffnete den Schlag. Aus dem Wagen stieg ein vornehmer Herr in teurem Pelz. Er ging auf Semions Haus zu und trat in den Flur. Matriona sprang heraus und riss vor ihm die Tür auf. Der Herr bückte sich, trat in die Stube, und als er sich aufrichtete, berührte sein Kopf beinahe die Decke; und so dick war er, dass er eine ganze Ecke einnahm. Semion stand auf, verbeugte sich und wunderte sich sehr über den Herrn. Er hatte noch nie solch einen Menschen gesehen. Semion war mager, auch Michailo war mager, Matriona war aber so dürr wie ein Span; dieser Mensch schien aus einer anderen Welt zu kommen: Sein Gesicht war rot und gebläht, der Hals wie bei einem Stier, und er schien aus einem... Weiterlesen
Ich weiß, ich belege hier viel Raum und manche sind sicher schon genervt. Aber ich beeile ich mich, so schnell wie es mir möglich ist, die Tolstoi-Erzählung zu Ende aufzuschreiben und danach hört ihr erst mal wieder eine Weile nichts mehr von mir, versprochen. Aber jetzt die Geschichte einfach abzubrechen wäre blöd, da sie sich erst in ihrer Vollständigkeit erschließt. Ich finde sie sehr schön und wahr, und deshalb:
Kapitel VI:
""Ein Tag folgte dem anderen, eine Woche der anderen, und so verging ein ganzes Jahr. Michailo lebte noch immer bei Semion und arbeitete für ihn. Bald sagten alle Leute, dass es weit und breit keinen besseren Schuhmacher gebe als Semions neuen Gesellen; niemand könne so saubere und so dauerhafte Arbeit liefern. Aus der ganzen gegend kamen die Leute zu Semion, um sich bei ihm Stiefel machen zu lassen, und so erwarb der Schuster einiges Vermögen.
Einmal im Winter saßen Semion und Michailo am Fenster und arbeiteten; plötzlich hörten sie Schellengeläute und sahen eine Troika vor dem Haus halten. Ein Bursche sprang vom Bock und öffnete den Schlag. Aus dem Wagen stieg ein vornehmer Herr in teurem Pelz. Er ging auf Semions Haus zu und trat in den Flur. Matriona sprang heraus und riss vor ihm die Tür auf. Der Herr bückte sich, trat in die Stube, und als er sich aufrichtete, berührte sein Kopf beinahe die Decke; und so dick war er, dass er eine ganze Ecke einnahm.
Semion stand auf, verbeugte sich und wunderte sich sehr über den Herrn. Er hatte noch nie solch einen Menschen gesehen.
Semion war mager, auch Michailo war mager, Matriona war aber so dürr wie ein Span; dieser Mensch schien aus einer anderen Welt zu kommen: Sein Gesicht war rot und gebläht, der Hals wie bei einem Stier, und er schien aus einem Stück Eisen gegossen.
Der Herr verschnaufte sich, zog den Pelz aus, setzte sich auf die Bank und sagte:
""Wer ist hier Meister?"
Semion trat vor und sagte:
"Ich bin es. Euer Gnaden."
Der Herr rief seinem Burschen:
"Fedka, bring das Leder her!"
Der Bursche brachte sofort ein Bündel. Der Herr nahm es aus seinen Händen, legte es auf den Tisch und sagte:
"Binde es auf!"
Der Bursche band es auf. Der Herr wies mit dem Finger auf das Leder und sagte zu Semion:
"Pass auf, Schuster, siehst du die Ware?"
"Ich sehe wohl, Euer Gnaden."
"Verstehst du denn überhaupt, was das für eine Ware ist?"
"Die Ware ist gut."
"Das will ich meinen! So eine Ware hast du Dummkopf wohl noch nie im Leben gesehen. Es ist ausländische Ware, zwanzig Rubel kostet das Stück."
Semion erschrak und sagte:
"Wie sollte ich solch eine Ware gesehen haben?"
"Na also. Kannst du mir aus diesem Leder gut passende Stiefel nähen?"
"Ich kann es wohl, Euer Gnaden."
Der Herr schrie ihn an:
"Das ist leicht gesagt. Begreifst du denn überhaupt nicht, für wen du arbeitest und was es für ein Leder ist? Du sollst mir Stiefel nähen, die ein Jahr halten, ohne schief zu werden und ohne zu reißen. Wenn du es kannst, übernimm die Arbeit und schneide das Leder zu; und wenn du es nicht kannst, so rühre das Leder lieber gar nicht an. Ich will es dir gleich im vorhinein sagen: wenn die Stiefel vor einem Jahr reißen odeer schief werden, bringe ich dich ins Gefängnis; wenn sie aber weder schief werden noch reißen, zahle ich zehn Rubel für deine Arbeit."
Semion war so erschrocken, dass er gar nicht wusste, was er darauf sagen sollte. Er blickte sich nach Michailo um, stieß ihn mit dem Ellbogen an und flüsterte:
""Soll ich die Arbeit nehmen?"
Michailo nickte nur: "Ja, nimm die Arbeit."
Semion hörte auf den Rat und übernahm es , solche Stiefel zu nähen, die ein Jahr lang halten und weder reißen noch schief werden.
Der Herr rief wieder seinen Burschen herbei und befahl ihm, den Stiefel vom linken Fuß abzuziehen. Er streckte das bein vor und sagte: "Nimm Maß!"
Semion heftete einen Papierstreifen, zehn Werschock lang, zusammen, glättete ihn mit den Fingern, kniete vor dem Herrn nieder, wischte sich die Hand sorgfältig an der Schürze ab, um den Strumpf des Herrn nicht zu beschmutzen, und begann maß zu nehmen. Er maß die Sohle, er maß den Rist, und als er den Umfang der Wade messen wollte, war der Papierstreifen zu kurz. Das Bein war an der Wade so dick wie ein Balken. Der Herr warnte ihn noch: "Pass auf, dass der Schaft nicht zu eng wird!" Semion heftete einen neuen Streifen an. Der Herr saß auf der Bank, bewegte die Zehen im Strumpf und musterte die Anwesenden. Als er Michailo erblickte, fragte er:
"Wer ist denn der?"
"Das ist mein Geselle, der die Stiefel nähen wird."
"Pass auf" , wandte sich der Herr zu Michailo, "sieh zu, dass die Stiefel ein Jahr lang halten."
Auch Semion blickte Michailo an: dieser sah gar nicht auf den Herrn, sondern starrte in die Ecke hinter dem Herrn, als ob er dort jemand sehe. Michailo sah lange unverwandt in die Ecke, und plötzlich lächelte er, wobei sein Gesicht ganz licht wurde.
"Was lachst du, Dummkopf? Pass lieber auf, dass die Stiefel zur Zeit fertig werden."
Michailo erwiderte:
"Sie werden just zur richtigen Zeit fertig."
"Na also"
Der Herr zog den Stiefel wieder an, hüllte sich in den Pelz und ging zur Tür. Er vergaß aber sich zu bücken und stieß mit dem Kopf gegen den Querpfosten.
Der Herr schimpfte, rieb sich den Kopf, setzte sich in den Wagen und fuhr fort.
Als er fortgefahren war, sagte Semion:
"Der hat aber einen harten Schädel! Den Pfosten hat er beinahe zerbrochen, es scheint ihm aber nichts zu machen."
Und Matriona sagte:
"Wenn einer so gut lebt wie der Herr, muss er auch gesund sein und manches aushalten können. So einem eisernen Menschen kann auch der Tod nichts antun." "... Einklappen